Eine gepfefferte Ladung Bohnen umpfiff seine Ohren.
So vermittelt man allzu respektlosen Zuzügern die hiesigen Spielregeln. So bald kommt der nicht wieder. Man muss sie erziehen.
Ich stecke die Schreckschusspistole zurück in die Ledertasche auf dem Bastsattel und laufe weiter.

Seit viertausend Jahren und mehr herrscht auf dieser Nord-Süd-Achse ein stetes Kommen und Gehen. Belegen Radio-Carbonat-Tests steinzeitliche Lagerfeuer unter Felsplatten; so geben die Walsersiedlungen in den Nachbarskantonen und bis weit hinein in die Talschaften der angrenzenden Länder beredtes Zeugnis uralter Wandertradition. Kreuzten sich im milden Mittelalter auf den Pässen die Wege streitlustiger Kardinäle und brachialer Reisläufer mit denen launischer Wandersleute und bunten Händlervolks selbst in den Wintermonaten, verhielten sich die klimatischen Gegebenheiten nach der kleinen Eiszeit doch erheblich dramatischer. Harsche Winde fegten die Gletscherluft weit ins Rhonetal hinab. Karge Aeckerlein und mergelnde Haustiere gaben kaum was her. Hirsch und Reh waren bald mal ausgerottet. Es blieben die Steine, bar jeglicher Böcke. Der Himmel leergeschossen.

Allein der menschlichen Zeugungsfreude tat dies keinen Abbruch.
Ganz im Gegenteil.
War das Bambini-Dutzend mal annähernd voll, folgte die Zwangslage auf dem Fusse.
Bis der Vater eines schweren Tages zur Aeltesten sprach: Schau Klara, du bist von flinkem Verstand. Es ist archivarisch verbürgt, dass in dieser finstern Zeit 25% der Bevölkerung das Wallis verlassen muss. Hier ist das Beutelchen mit etwas Reisegeld. Du nimmst dann noch Hans und Franz mit, der Statistik und uns Bleibenden zuliebe. Am nächsten Montag schliesst ihr euch einem Tross an übers Gries ins Pomatt. In wenigen Tagen werdet ihr in Genua sein. Amerika wird’s schon richten.

Helvetia richtet’s auch.
Behangen halt mit einem Rattenschwanz voller Verfahren und Gesuchen etc. etc, erhalten doch immerhin einige Flüchtlinge amtlichen Schutz und Asyl.
Den selbsternannten Wachhunden der Schlagbäume passt das nicht in den Kram. Die bilateralen Abkommen zur Personenfreizügigkeit schon gar nicht. Fenster und Türen zu, das Haus abschliessen. Ueberfremdung. Die wollen Arbeit, das Heidi, und die Geiss.
Irgendwie entbehrt das nicht einer hübschen Komik, dass ausgerechnet die gröbsten Polterer allesamt Secondos und Einwanderungsabkömmlinge in dritter Generation sind. Und der Lärm der initiativen Ecopöbler zielt darauf ab, in der Bundesverfassung verankern zu wollen, wieviele Kondome denn der Familienplanung in Afrika zustehen, wogegen das Bevölkerungswachstum in der Schweiz die zwei Prozenthürde nicht überspringen dürfe. Wie jetzt? GV per Abzählvers-App übers Smartphone? Die Ueberzähligen zu Exit?

Bei der Hütte angekommen, sattle ich ab. Die Pottocks ziehen auf die Abendweide. Ich mache ein Feuerchen. Es gibt geschmolzenen Käse, dazu Brot, Aprikosen und ein Glas Weissen. Es geht mir gut. Ich habe Ferien.
Nach dreissig Alpsaisons gehören meine Sennenkünste und Saumwege zum Keller der Vergangenheit an.

Die Sennhütten sind nicht mehr QS- und EU-kompatibel. Die Milch wird rausgefahren. Dreissig Galtkühe werden noch auf den Distelstafel getrieben, finden nebst bestem Futter pränatale Entspannung.

Morgen reit’ ich über den Paso San Giacomo ins Val Toggia.
Der erste Aufstieg am Nufenenstock bis auf Höhe des Stausees erfordert etwas Schmalz, dann zieht’s nur noch gemächlich an.
Am Weg liegt die neue SAC Hütte Corno Gries. Ein echt gelungner Wurf, ein Hingucker eben, und aus der Küche lockt verführerischer Cappuchino-Duft.
Wo der Hang am steilsten ins Bedretto abfällt, steig ich ab und führe am lockern Zügel. Ein grosses oder ängstliches Pferd würde an der einzig kniffligen Stelle von der vortretenden Felsnase in die Tiefe gedrückt. Wir kommen sichern Tritts durch.
Gegenüber weidet das Senntum von Erna und Antonio, behirtet nach dem Kontext der alten Schule. Die steht Modell für die Zukunft.
Die Alp ist eine Pizza. Die Aelpler verwalten die Tag- und Nachtweiden. Sie betreuen und schützen die Tiere, generieren schäumenden Mehrwert im Kessi. Das ist fundiertes Handwerk. Die einen schrauben’s hoch zur Kunstform, andere erleuchtet leider kein Schimmer. Und Ende der Diskussion.
Allen defekten Präfekten zum Trotz funktioniert derart auch auf der Schossmatte der Herdenschutz. Umsichtige Hirtschaft, folgsame Hunde, ein Meter vierzig hoher Nachtzaun unter gehörig Pfupf bilden die notwendige heilige Dreifaltigkeit. Einfach genial. Genial einfach.

Natürlich verschwendet die Lokalpresse keine Unze Druckerschwärze für die professionell funktionierende Alpwirtschaft. Stattdessen feiern die Redaktoren Urständ beim nächsten Uebergriff eines Raubtiers.
Die Fotos triefen vor Blut, die Texte vor Gift und Galle. Nicht zu reden von den Leserbrief-Aposteln. Woher dieser Hass? Sind das die bösen Schattengespenster der CVP-Ueberväter? Ist das ausgelagerter Perma-Wahlfang?
Es gibt ja Liebhaber, deren Loyalität durch nichts zu erschüttern ist. Manch einer aber umläuft grossräumig das dreizehnsternige Gasthaus, aus dessen Kamin der üble Rauch hochgeschaukelter Emotionen die Umwelt verpestet, jegliche Sympathien vergrault.
Wildnisromantikern hätten wir unbegrenzte Elysien zu bieten, würden die sich mit deren Verklärung begnügen. Aber eben, wie’s in den Wald halaliet, so hallots halt zurück.

Um dieser Malaise-Valaise das Genick zu brechen, kniete ich hin und betete: Herr, ich schlag dir einen Austausch vor: ich trete dir ab ein Sixpack Scharfmacher, und du vermittelst eine verständige Person à la mode du Charly Vouillod. Eine Persönlichkeit, die Natur und Kultur im selben Hut beheimatet weiss.
Natürlich winkte der Herr zu so einem billigen Handel müde lächelnd einfach ab.

Weiss die Dienststelle für Landwirtschaft überhaupt, dass es eine solche auch für Jagd und Wald gibt? Umgekehrt stellt sich die Frage natürlich auch, weil der Bauernschaft noch niemals ein übergreifendes Konzept vorgestellt worden wäre.
Abgekapselte Ufos durchschweben Sittens extraterristische Hallen, unerreichbar für handfeste Belange der Berglandwirtschaft.
Unerreichbar auch die Magistraten und schwer auf Trab gehalten von

a) Steuer- und andern Zechprellern
b) predigen sie das Wasser
c) trinken sie den Wein
d) kuscheln sie mit den Panschern desselben.

Und der oberste Schneider zu Bern flickt doch auch bloss weiter am alten Tschoppen rum. Und was aus Leutschenbach mosert, gleicht doch ziemlich ungefiltert das Unvermögen ab am runden Tisch, wo Wissenschaft und Ureinwohner wie die zwei Königskinder niemals zusammen finden werden.

ProTag gehen schweizweit drei Bauernbetriebe flöten. Das ist voll trendy, schon seit Jahren. Geben jetzt noch ein Vielzahl Nebenerwerbsbetriebe den Geist auf, die Sense ab, wäre das ein Kahlschnitt und nicht mehr gutzumachender Verlust auf der kulturellen und alpwirtschaftlichen Bühne, vom Schaden für den Tourismus mal abgesehen. Das Henkersbeil fiele einzig und allein wegen bewusster Unterlassung und gezielter Sabotierung des Herdenschutzes durch alle politischen und meinungsbildenden Kräfte.
Allen Nachholbedürftigen – und die Liste ist sehr lang – seien Praktika und Seminare empfohlen an den alpinen Fakultäten für Mineralogie, Geo- und Glaziologie, Mikrobiologie, Botanik, Zoologie, Jagdmanagment. Die Lehrstühle besetzen Alfred und Bea in Merezenbach, Monika in Gletsch, Leo im Blinnen, Bonadai an der Furka, die Liste ist sehr lang.

Auch der Agridealist vermag keine Saat auszubringen, die jemals den Blütenstand geschweige den Fruchtstand erreichen könnte.
Im Juni liess er sich auf Alpjen filmen. Er entstieg dem Helikopter. Er warf Adlerblicke in die Runde. Deutelte hier, mängelte da. Erklärte die Welt. Das alles in knappen drei Minuten. Er bestieg das Rotorvögelchen und entschwebte. Super. Der Auftritt gipfelte in der Feststellung, dass neuerdings knapp die Hälfte der Walliser Alpen noch, oder eben nicht mehr behirtbar sei.
Waren die viel zitierten Vorväter doch etwas, na ja, oder wer jetzt beschränkt? Oder ist das einfach nur eine abgefeimte Inszenierung des Finanzdepartements, um knallhart getarnt im genierlichen Schafpelz die Ausgabenbremse anzuziehen?

Bevor der Weg rechts wieder anzieht, mache ich eine Pause bei der kleinen Kapelle.
Die ist ohnegleichen. Da ist kein Altar, kein Kreuz, da sind keine Bilder, und niemand fällt zwischen Stuhl und Bank, weil weder noch vorhanden ist. Dafür gibt’s Steine en masse. Ein paar ordinäre Gufer auch, bestimmt wurde jeder mit Andacht gelegt, und Glitzerdinger und Kristalle ohne Zahl.
Wärmt die Sonne die Mauern ein bisschen auf, betört leiser Weihrauchgeruch aus weit entfernten Zeiten.
Nach einer guten halben Stunde ist der letzte Stutz zur Passhöhe geschafft.
Die Grenzsteine liegen belanglos in der Gegend. Etwas Aufmerksamkeit erheischt das Grenzhäuschen mit der Gefangenenzelle, daneben der Unterstand für die Wache.
Da werden noch Geschichten erzählt aus den Zeiten des zweiten Weltkriegs. Partisanen, Grenzer und Aelpler spannten zusammen. Reis und Rotwein kamen über die Saumpfade rein, Käse und Trockenfleisch gingen rüber. Tabak die gängige Währung. Gejagte und arme Teufel wurden über Furka und Grimsel weitergeleitet. Abends die Lieder. Jemand singt immer. Claro, di morte, pane e amore.
Ein Fahrweg führt dem Toggia-Stausee entlang zur Alpsiedlung, um dann nach einigen Serpentinen Riale zu erreichen.
Der Landschaftspark Binntal steckte noch in der Planungsphase und harrte der Absegnung aus Bern, da hatten die Formazzini den Park bereits mit ihrem Parco Veglia Devero verschwistert. Im Bazar in Riale verkaufen sie seither zweisprachige Wanderkarten.

Zur feria agosto scheint sich halb Milano im oberen Piemont aufzuhalten.
Wer als erster sein Auto hinstellt in der Mitte auf dem Parkfeld, fährt garantiert erst als letzter wieder ab.
La dolce vita, da vero.
Gegen Mittag öffnen sie die Schleusen und das Wasser stäubt ungedämmt über die Stufen der Tosafälle, wie seinerzeit Göethe das Schauspiel erleben und beschreiben konnte.
Scheint ein weit gereister Mann gewesen zu sein. Münster hat auch seine Göethe-Stube im Hotel Post. Des Dichters schriftlich Lobgesänge, zerrissen leider keine Stränge. Verdrossen zog er über die Furka von dannen.

Mein Heimweg führt über den Albrunpass.

Kam man am siebzehnten August in Oberwald über die Rottenbrücke, bannte die Blicke ein wogender Köpfefluss bis weit nach Unterwasser hinein. Oldtimer links und rechts der Mainstreet – quasi hingeworfen als schillerndes Ufergestein – boten nicht abschwellenden Gesprächsstoff.
Im Zeltdorf beim Bahnhof überzeugte das Gewerbe auf moderner Plattform mit seinen qualitativ hochprofessionellen Produkten. Genau diese Menschen sind es, die hüben und drüben in leidenschaftlicher Gesinnung das Rad am Laufen halten. Egal wo in der Welt, was zählt ist Authentizität. Und Leute, die das Wort nicht mal zu buchstabieren gedenken, repräsentieren sie am profiliertesten täglich an vorderster Front im ersten Gebot: Gastfreundschaft.
Kunstschaffende holen mit ihren Werken im Betrachter unbewusste Welten hervor und geben ungewohnten Gedankengängen Gestalt und Raum.
Vor hundert Jahren schmauchte zum ersten Mal eine Lok von Brig herkommend in Oberwald ein. Mitte vorigen Jahrhunderts übernahmen Elektro- und Diesel-Loks die Wagons. Dann kamen die Nostalgiker und Frondienstler.
Der dreissigjährige Enthusiasmus der Dampfbähnler fand wohl Erwähnung, allein es fehlt die geziemende Würdigung und Anerkennung. Ungeachtet dessen, unbeirrbar heizen sie die Kessel, stampfen gen Gletsch hoch, dampfen mit Getöse ins zweite Lebensjahrhundert.
Die Frage sei gleichwohl erlaubt, wo waren denn die Honorablen der Region, die Retter der Nation, die doch sonst in jedes gebratene Schwein beissen?

Zwischen Geschinen und Ulrichen erstellt die MGB innert Jahresfrist ein nigelnagelneues Trassee, Schienenstrang, Stromleitung, was es halt so braucht, um diese überlebenswichtige Linie fit zu halten, unter der Regie der roten Bündner Gogwärge.
Gut möglich, bleiben die über längere Zeit in der Gegend am Pickel. Die Zukunft hat schon mal angeklopft mit der Vision eines Grimseltunnels ins Haslital. Helle Köpfe haben den Knochen aufgefangen, die Initiation ist gezündet.

In Gletsch werden die abgetakelten Belle Epoche Gebäude in neuem Glanz erstehen.

Das Blut wird ewig rauschen

Solange die vier Hauptadern Rotten, Reuss, Rhein, Ticino dem Herzen Europas entspringend den Meeren in alle Himmelsrichtungen zustreben, werden Menschen ihnen folgen, und andere die Quellen suchen.

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